Prokrastination

Oliver (52) prokrastiniert bei der Arbeit. Statt zu arbeiten, schaut er die meiste Zeit des Tages YouTube-Videos. Nicht irgendwelche kurzweiligen Filme, sondern Dokus, Berichte oder Nachrichten. Kurz vor dem Abgabetermin rafft er sich auf und erledigt die Aufgabe in kurzer Zeit. Die Qualität entspricht nicht seinen Vorstellungen, aber der Chef ist zufrieden. Kürzlich wurde er wieder gelobt für seine gute Arbeit. Keiner scheint zu merken, dass er die meiste Zeit unproduktiv ist.

Er selbst ist unzufrieden – mit dem Job, mit seinen Arbeitsergebnissen, mit sich selbst. Er weiß, dass er viel mehr zustande bringen könnte. Er hat ein schlechtes Gewissen, weil er am Arbeitsplatz private Dinge macht. Er befürchtet, dass das irgendwann rauskommt und er Ärger bekommt. Nach der Arbeit ist er oft so frustriert, dass er auch zu anderen Dingen keine Lust mehr hat.

Oliver ist hochbegabt und im Job unterfordert.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Motivation und Hochbegabung

Es gibt zwei Arten von Motivation: intrinsische (=innere) und extrinsische (=äußere) Motivation. Äußere Motivation ist z.B. Geld, Ansehen, Lob und sehr störanfällig. Verändern sich die äußeren Faktoren, sinkt die Motivation deutlich ab. Zudem gibt es einen Gewöhnungseffekt, der vergleichsweise rasch eintritt. Er zeigt sich z.B. in höheren Gehaltsforderungen.

Intrinsische (=innere) Motivation ist dagegen unabhängig von äußeren Einflüssen, deutlich stabiler als äußere Motivation und führt zu höchster Einsatzbereitschaft und besten Arbeitsergebnissen. Die Sache wird „um seiner Selbst willen“ getan. Intrinsisch motivierte Menschen können dabei in den sogenannten „Flow“ kommen, in dem sie ganz im Tun versunken sind.

Menschen mit Hochbegabung agieren überwiegend intrinsisch motiviert. Sie können eine sehr hohe innere Motivation aufbauen, wenn sie von einer Sache überzeugt oder begeistert sind. Bei freier Zeiteinteilung gelangen sie schnell in den „Flow“. Durch die hohen kognitiven Fähigkeiten sind ihre Arbeitsergebnisse dann außergewöhnlich.

Äußere Motivationsversuche (z.B. Aufstieg in der Hierarchie) können diese Motivation jedoch zerstören, wenn sich dadurch der Inhalt der Arbeit erheblich ändert und die Grundlage für die intrinsische Motivation verloren geht. Auch Zeitregulation von außen ist Gift für die intrinsische Motivation hochbegabter Menschen. Sie verlieren dann schnell das Interesse an der Arbeit und reagieren mit Lustlosigkeit und Verweigerung, was sich dann z.B. in Prokrastination zeigt.