Nicht selten wird bei Menschen mit Hochbegabung Autismus vermutet. Hochbegabte Menschen zeigen einige Verhaltensweisen, die auch bei Menschen mit Autismus zu sehen sind: Spezialinteressen, hohe Sensibilität, Vorliebe für Routinen und soziale Passungsprobleme.
Autismus ist eine Beeinträchtigung in der Fähigkeit, sich in die innere Welt einer anderen Person hineinzuversetzen (Mentalisierungsstörung). Autismus bedeutet die Unfähigkeit, die Perspektive des Anderen zu übernehmen, wenn diese von der eigenen abweicht. Diese Beeinträchtigung besteht von Geburt an und führt zu den für Autismus typischen Verhaltensmustern und Schwierigkeiten, insbesondere im Umgang mit anderen Menschen.
Menschen mit Hochbegabung sind dagegen meisten sehr gut in der Lage, sich in die Perspektive des Gegenüber hineinzuversetzen und haben eine differenzierte Vorstellung von der inneren Welt des Anderen. Es kann vorkommen, dass sie aufgrund mangelnder und ungünstiger Lernerfahrungen eine verzerrte Vorstellung vom Innenleben des Gegenüber haben und daher dessen Verhalten falsch deuten. Sie sind aber ohne Probleme in der Lage, diesen Irrtum zu korrigieren und innerhalb kurzer Zeit umzulernen. Dies ist bei Autismus nur schwer oder gar nicht möglich.
Unterschiede zwischen Hochbegabung und Autismus:
Hochbegabung
Autismus
Haben eine differenzierte Vorstellung vom inneren Erleben des Gegenüber; haben ein breites Spektrum an denkbaren Perspektiven, auch wenn diese nicht der eigenen entsprechen
Beeinträchtigung in der Fähigkeit, sich in die innere Welt einer anderen Person hineinzuversetzen (Mentalisierungsstörung); geringes Spektrum an denkbaren Perspektiven
Spezialinteressen bezogen auf komplexe und tiefgehende Themen (z.B. Universum, Philosophie); oft viele Interessen
beschäftigen sich exzessiv mit einem sehr eingeschränkten Interessengebiet, das strenge Logik enthält (z.B. Fahrpläne)
Ausgeprägte Fähigkeit, die Emotionen des Gegenüber wahrzunehmen (teilweise besser als die Person selbst)
Emotionen des Gegenüber können nicht gespürt werden; kein emotionales Mitschwingen
Hohe Flexibilität bei unerwarteten Veränderungen, auch wenn dies zunächst emotionalen Streß bedeutet
Geringe Flexibilität bei Veränderungen; emotionaler Streß, der nicht oder kaum bewältigt werden kann
Gemeinsamkeiten von Hochbegabung und Autismus:
- Vorlieben für Routinen und Ordnung/Struktur
- Hohe Sensibilität
- Blickkontakt halten fällt schwer
- Gesagtes zu ernst bzw. wörtlich nehmen
- Schnelles Streßerleben
- Soziale Interaktionsprobleme
- Schwierigkeiten in der emotionalen Regulation
- Betonung der kognitiven Ebene
- Langeweile bei SmallTalk
Autismus sollte nur von erfahrenen Fachleuten unter Verwendung ausführlicher Testungen und unter Einbeziehung eines IQ-Tests diagnostiziert werden.


Diese Infos zu Autismus sind sehr von Klischees geprägt und so pauschal nicht zutreffend.
„Unfähigkeit, die Perspektive des Anderen zu übernehmen“ stimmt so nicht, erst recht nicht bei „Twice Exceptional“ Erwachsenen, die hochbegabt UND autistisch sind.
Ebensowenig ist bei jeder Autismusdiagnostik bei Erwachsenen ein IQ Test erforderlich.
Diese Infos wurden aus einschlägiger Fachliteratur zusammengetragen und eben nicht aus klischeehaften Verbreitungen in den sozialen Medien. Die Schwierigkeiten im Mentalisieren (=die Perspektive des Sozialpartners übernehmen) sind das Kernmerkmal der Störung (vgl. Webb, „Doppeldiagnosen und Fehldiagnosen bei Hochbegabung“, Seite 180ff), alle anderen Symptome sind nicht spezifisch für Autismus, sondern kommen auch in vielen anderen Kontexten vor – insbesondere bei Hochbegabung. Daher ist absolut erforderlich, im Rahmen einer Autiusmusdiagnostik auch einen IQ-Test zu machen.